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Wenn die Farben des Lebens bleiben

Aktualisiert: 11. Nov. 2023

Dann kann unsere letzte "Verpackung" eine Geschichte erzählen


In meiner Ausbildung zur Sterbeamme und -gefährtin bin ich auf Jessica Aman in Berlin getroffen. Sie war ebenfalls ein Teil der Ausbildungsklasse. Schon ihre Erscheinung sagte mir, diese Frau ist erfahren, kreativ, einfühlsam, klar und offen. Über zwei Jahre hinweg waren wir durch unsere gemeinsame Arbeit mit dem Thema Sterben, Tod und dem danach in regem Austausch. Ich hielt irgendwann eine Postkarte in der Hand, die sie selbst gemalt hat und die eine so schöne lebensbejahende Geschichte erzählte. Als ich Jessica einige Zeit später traf, wunderte es mich fast gar nicht, dass sie Urnen bemalt und gestaltet. Denn wenn nicht sie, wer dann, kann Lebensgeschichten in Farbe und Bilder packen. Ich stelle Euch Jessica vor.



Jessica Aman, Berlin, künstlerische Gestaltung von Urnen, Bestattungen, Sterbeamme, Death Dula
Jessica Aman / Gestaltung von besonderen Urnen und Särgen, Death Doula, Begleitung & Beratung rund ums Lebensende

Annett: Wenn du den Raum betrittst, dann kommen auch Farben mit, besonders violett, flieder, blau. Du trägst Farbe! Was bewirken diese Farben eigentlich bei dir?

Jessica: Diese Farben tun mir gut, wenn ich sie ansehe oder um mich habe. Sie entspannen mich, vielleicht ist es ihre Leichtigkeit. Aber ich bin überhaupt eine sehr große Farbenliebhaberin, jede Farbe hat ihre eigene Qualität und Schönheit, und es gibt nur wenige Farben, die ich nicht mag.


Annett: Du bist ausgebildete Kunsttherapeutin, hast Jahrzehnte in diesem Job gearbeitet, bis du dich erweitert hast, dich weiter entfaltet hast. Heute gestaltest du Urnen und begleitest Menschen in Situationen großer Veränderungen wie z.B. Übergangs- und Abschiedsprozessen (also im Leben, im Sterben und im Abschiednehmen). Was können Farben und Formen, kreatives Gestalten therapieren? Wozu ist Kunst dienlich?

Jessica: Farben, Formen und selbst zu gestalten kann ein Weg sein mit sich selbst in Kontakt zu kommen und sich emotional auszudrücken. Das, was bewusst oder unbewusst in uns vorgeht, kann so eine be-greifbare, äußere Form bekommen. Und das tatsächlich auch in allen Lebensphasen. Ich habe sehr lange mit palliativ erkrankten Menschen gearbeitet. Da geht es nicht um aktionsreiches Tun, sondern um die leisen, feinen Töne. Am Ende des Lebens kann Gestalten z. B. dabei unterstützen, sich mit belastenden existentiellen Themen direkt oder indirekt auseinanderzusetzen, und Gedanken und Gefühle zu ordnen. Oder sich genau davon zu deffokussieren, z.B. bei Schmerzen, Angst oder Gedankenschleifen.

Wenn verbale oder kognitive Kommunikationsmöglichkeiten eingeschränkt sind, z.B. durch körperliche Einschränkungen beim Sprechen, Wortfindungsstörungen, Verwirrtheit oder dementielle Zustände ist Gestaltung auch ein Medium mit der Umwelt zu kommunizieren.

Die Auseinandersetzung mit der Lebensgeschichte und Lebensthemen webt sich oft ganz von selbst in diese Prozesse hinein. Lebensthemen können noch einmal symbolisch "besucht" und vielleicht auch zum Abschluss gebracht werden.

Ich habe viele Menschen dabei unterstützt, das letzte Geschenk für ihre Liebsten für zu gestalten. Einmal hat eine junge Mutter gefragt, ob wir auch eine Urne für sie bemalen könnten. Für später. Im Krankenhausbett. Mit der Familie, alle zusammen, groß und klein. Tränen und Lachen. Kaffee, Saft und Kekse und ein extra Bolus aus der Schmerzpumpe. Abschied und Verbundenheit.


Annett: Du gestaltest jetzt Urnen, du bemalst sie per Hand. Welche Materiale und Werkzeuge benutzt du dafür und wie fallen dir die Motive ein?

Jessica: Ich verwende Rohurnen aus Flüssigholz (Biourne), Lehm- bzw. Tonurnen und Holzurnen. Die sind alle zu 100% biologisch abbaubar und dadurch auch ökologisch nachhaltig.

Zum Grundieren der Rohurnen benutze ich Kreidefarben. Und zum Bemalen und Gestalten, abhängig vom Design, Acryl-, Gouache- oder Aquarellfarben, Materialien wie Blattgold, Papiere oder Blüten und Gräser sowie lösungsmittelfreien Leim. Zum Schluss gibt es dann noch ein Finish mit natürlichem Wachs.

Auch das ist unterschiedlich im Ansatz.

Ich selbst habe einen eher freien und assoziativen Arbeitsstil. D.h. es gibt irgendetwas, das mich inspiriert, z.B. eine bestimmte Farbe oder ein visueller Eindruck, ein Muster, eine interessante Technik, aber auch eine Geschichte oder eine Erinnerung. Oft sind das nur Schnipsel und Ausschnitte. Ich sammle eigentlich wo auch immer ich bin visuelle Eindrücke.

Bei anderen Urnen gibt es eine inhaltlich-gedankliche Verbindung oder Assoziation zum Thema Tod und Sterben und dann versuche ich die in ein Design zu übersetzten - beim Kleinen Prinzen war das z.B. so.

Dann gibt es noch die Urnen wo ich einfach intuitiv nach einer Farbe greife und mich überraschen lasse, was entsteht. Manchmal ist das ein schöner Flow, manchmal auch das sprichwörtliche „Ringen mit der Form“.

Und natürlich gibt es noch die Auftragsdesigns. Da wird ein konkretes Wunschmotiv umgesetzt, z.B. die Wuppertaler Schwebebahn oder zuletzt einen Mops.



Urnen Design, Handmade, künstlerische Urnengestaltung, made by Jessica Aman
handbemalte Urne von Jessica Aman, Berlin

Annett: Wie lange arbeitest du an einer Urne?

Jessica: Das ist sehr unterschiedlich, da alle Urnen so verschieden sind. Es kommt darauf an, ob ich das Design ganz neu entwickle oder schon öfter umgesetzt habe. Und auch darauf, wie komplex oder schlicht das Design ist und ob es eine einfache Maltechnik ist oder eine für die man einfach mehr Zeit braucht. Ich habe z.b. keine besonders ruhige Hand. Für filigrane Motive mit feinen Konturen brauche ich daher länger.

Für manche Urnen brauche ich ein paar Stunden, an anderen habe ich auch schon mal eine Woche gearbeitet. Allerdings arbeite ich auch gerne mit Malpausen, um immer wieder einen frischen Blick auf die Gestaltung zu bekommen.


Annett: Wie kommt man an eine Urne von dir?

Jessica: Indem man mich über das Kontaktformular auf meiner Webseite, per e-mail oder telefonisch kontaktiert und mir kurz schreibt was gewünscht wird. Und falls es einen Termin für eine Trauerfeier gibt, dann den am besten auch gleich.

Die Urnen aus dem Sortiment findet man direkt im Urnen-Shop auf meiner Webseite.

Bei vielen dieser Designs ist eine Bestellung größerer Mengen möglich, was für die Bestatter:innen interessant ist.

Eine weitere Möglichkeit ist, ein Einzelstück mit persönlichem Wunschdesign bei mir in Auftrag zu geben.

Und falls man als Zugehörige, die Gestaltung der Urne oder des Sarges selbst in die Hand nehmen möchte, kann ich diesen Prozess begleiten und unterstützen.


Annett: Ist es nicht schade, dass deine Kunstwerke dann in der Erde einfach versenkt werden?

Jessica: Ich empfinde das gar nicht so. Es geht ja darum, Abschied von einem wichtigen Menschen zu nehmen. Und diesem Menschen etwas Schönes mitzugeben, finde ich ganz wunderbar. Ich fühle mich geehrt und freue mich, wenn eine meiner Urnen als Gefäß für die letzte Reise dient. Und letztlich ist ja alles Veränderung, Werden und Vergehen. Und so natürlich auch meine Urnen. Das ist schon sehr ok und gut so :)


Annett: Wie stellst du dir deinen eigenen Verbleib deiner Körperreste vor? Auch in einer Urne? Eine von dir?

Jessica: Ja, ich denke schon. Ich bin ja auch Death Doula & Sterbamme und arbeite als Assistentin bei mehreren Alternativen Bestatter:inen. Dadurch habe ich schon öfter drüber nachgedacht, was ich für mich möchte. Also, über Vorsorge, Totenfürsorge, Abschiednahme und die Bestattung selbst. Bei Totenfürsorgen mit dabei zu sein hat mir wichtige Denkanstöße gegeben. Ich möchte z.B. eine kuschelige Decke in meinen Sarg und keine weiße Baumwoll-Innenausstattung, sondern farbigen Stoff. Und eine große Stoffkatze zu meinen Füßen, das habe ich einmal bei einer fast 90ig-jährigen Frau gesehen. Ja, ich selbst möchte verbrannt werden. Und unter meinen Urnen habe ich tatsächlich eine Lieblingsurne, die habe ich mir beiseitegestellt.


Annett: Warum schreckt dich der Tod und seine vielen Gesichter nicht ab?

Jessica: Das Thema Tod ist durch meine Arbeit recht präsent in meinem Leben. Der große Schreck hat ja oft auch damit zu tun, dass wir diese Themen solange es geht aus unserem Leben raushalten. Und wenn das irgendwann nicht mehr möglich ist, ist der Schock und die Überforderung um so größer. Ein Teil der Angst und des Stresses hat damit zu tun, dass diese Themen in unserer Gesellschaft immer noch ausgeblendet werden.

In meiner Krankenhausarbeit habe ich auch Gesichter des Sterbens miterlebt, die ich erschreckend fand. Und natürlich erlebe ich Schmerz und Trauer, wenn Sterben und Tod mein eigenes Leben berühren. Aber je mehr man sich dem Thema in Offenheit zuwendet, desto mehr verlieren die verschiedenen Gesichter ihren Schrecken. Das zeigt sich z.B. eindrucksvoll bei Totenfürsorgen, wenn Zugehörige in einer für sie belastenden Situation an Handlungsfähigkeit gewinnen und beginnen die Situation aktiv zu gestalten.


Annett: Was wünscht du dir für dein Leben?

Jessica: Ich wünsche mir, dass ich mein Leben authentisch und selbstbestimmt leben kann. Natürlich hoffe ich auf Gesundheit. Und wünsche mir ganz viel Gutes für meine Herzensmenschen.

Es gibt diesen Spruch „Du kannst die Wellen nicht anhalten, aber du kannst lernen auf ihnen zu reiten.“ Das wünsche ich mir auch, die Fähigkeit auf den Wellen zu reiten.

Und auf einer broader scale, dass wir gesamtgesellschaftlich noch die Kurve bekommen und den Generationen nach uns eine lebenswerte Welt und Zukunft hinterlassen.

Annett: ein schöner Schlusssatz. Danke du Liebe!



Jessica Aman, Kunsttherapeutin, Death Dula, Künstlerin, Berlin, deutschlandweit
handbemalte Urnen von Jessica Aman aus Berlin


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